Er bringt die Orgel zu prächtiger Farbentfaltung
Das ganz private Experiment:Clemens Rave entdeckt die Klavierstücke von Jehan Alain
..Alain war, wie Messiaen, Organist.Für seine Orgelmusiken zumindest hat sich eine kleine , gut gepflegte Nische bewahren lassen, denn seit Jahrzehnten setzt die Organistin Marie-Claire Alain ihren Ruhm für das Werk des älteren Bruders ein.Alains Klaviermusik dagegen ist im Konzertsaal und auf dem Plattenmarkt bisher weitgehend "terra incognita".Dass Clemens Rave jetzt ein Album vorlegt, ist eine Pioniertat:poetische Miniaturen von kaum zwei Minuten Länge , pastellfarbene Skizzen, Etüden und Choralvariationen,die gelegentlich an Erik Satie erinnern.Alains Klavierstücke sind jedoch meist ernst, klingen manchmal kindlich schlicht, zuweilen suchen sie die große Geste auf kleinem Raum...Brachte Alain die Orgel zu prächtiger Farbentfaltung und religiöser Ekstase, so diente das Klavier eher dem privaten Experimant.Rave lässt sich in seiner Antologie auf diese intime Welt ein, holt sie durch seinen hellen Anschlag in all ihren träumerischen und zeitgeistigen Facetten aus den Tiefen des Vergessens hervor. Dabei kann er sich auf Marie-Claire Alain berufen, die ihm, wie sie im Beiheft der CD schreibt, mit "beaucoup d´emotion "zugehört habe...
Olaf Wilhelmer, FAZ vom 20.10.07
Jehan Alain stammt aus einer französichen Organistenfamilie, die ihren Stammsitz in St-German-en-Laye hatte. 29 jährig starb er bei der Verteidigung Saumurs auf der Höhe seiner künstlerischen Enrwicklung.Was der deutsche Pianist Clemens Rave uns hier auf hohem interpretatorischen Niveau von seinem Klaviermusikschaffen vorstellt, wirkt beim ersten Hinhören stark im 19.Jahrhundert verhaftet. Bei näherer Beschäftigung verraten die Romancen und Nocturnes, die Choräle und Etüden diese handwerklich mit vielen Wassern gewaschenen Komponisten eine hohe Komplexität, eine Klangsensibilität und Formsicherheit, die fasziniert.Alain bedient fast ausnahmslos die kleine Form, und Rave lotet binnen weniger Sekunden einen ganzen Kosmos aus.
Helmut Peters, Piano News 6/2007
Jehan Alain ist als Orgelkomponist weltberühmt. Jetzt entdeckt Clemens Rave de3n völlig unbekannten Klavierkomponisten Alain - und liefert damit eine echte Offenbarung, zeigt Alain von einer anderen Seite.Während die Orgelmusik des 1940 im Krieg gefallenen Alain eher herb, bizarr, fast immer aber postromantisch gibt, verbreiten dieKlavierminiaturen, die Clemens Rave liebevoll nachzeichnet, romantischen Duft.Oder folgen der Modezu Beginn des 20.Jahrhunderts, asiatische Klänge zu inhalieren.Zauberhafte Welten entstehen da- und das auf engstem Raum, denn nur wenige der 26 Stücke dauern länger als zwei Minuten. Dennoch erzählt jedes von ihnen seine eigene kleine Geschichte, mancher Titel weckt zusätzlich Assoziationen...Keine Frage: Alains Klavierwerk ist wirklich eine Entdeckung - und Clemens Rave sein bester Anwalt. Er spielt unglaublich sensibel, farbenreich und mit einer Hingabe und Sinnlichkeit, von der mancher Organist noch weit entfernt ist. Einfach toll.
Chr.Schulte im Walde, Westfälische Nachrichten vom18.1.08
Musik von der Rückseite des Mondes
Clemens Rave ist ein poetischer Pianist.
Bei ihm scheint nichts dem Zufall oder der Wirkung überlassen - er ringt leidenschaftlich um den emotionalen Gehalt, um die Bedeutung der Musik. Seine sensiblen Klavierfinger mögen mitunter eine eigenwillige Sicht der Dinge haben, über die sich streiten lässt. Aber es geht immer ums Ganze.
Zum Beispiel um Mozart. Dessen späte Stückchen nennt Rave "Musik von der Rückseite des Mondes", und so spielt er sie auch. Die Dissonanzen des D-Dur-Menuetts werden mit aller Schärfe betont, die rhythmischen Widerspenstigkeiten der kleinen Gigue noch ein bisschen aufgeschäumt. Umso stärker der Kontrast zum sphärischen Glasharmonika-Adagio, das mit viel Pedal und zartestem Pianissimo förmlich transzendiert.
Und danach Schönberg? Aber ja, und zwar nahtlos. Die sechs Stücke op. 19 sind selten so zart und klangschön zu hören. Rave spielt Mozart wie Schönberg und Schönberg wie Mozart. Das klingt verblüffend zwanglos.
Sphärenklänge stecken auch in Haydns As-Dur-Sonate, vor allem im Adagio, dessen Des-Dur-Eröffnung aus dem harmonischen Nichts zu kommen scheinen. Nicht zu viel Jenseits: Mächtige Triller vertreiben den Spuk. Das Finale und vor allem das erste Allegro verbreiten Unruhe. Rave wählt das größtmögliche Tempo, riskiert im Schwung ein paar Ausreißer, schafft aber einen wirkungsvollen Kontrast zu den dunklen Stellen, die Haydns Notentext geschickt verborgen hält.
Beim Klavierabend im Franz-Hitze-Haus am Donnerstag ging es um „Musik aus habsburgischen Landen". Das klingt wie ein CMA-Gütesiegel und bedeutet: gute Musik. Also gibt es auch Schubert, die frühe e-Moll-Sonate. Clemens Rave spielt nur zwei Sätze, unterschlägt also mindestens das Scherzo. Warum? Das sagt er nicht, aber er spielt das Allegretto so plausibel als schnellen Schlusssatz, dass sich die Frage gar nicht stellt. Zumal er einen so unnachahmlichen Schubert-Tonfall trifft, dass man sogar die exzentrischen Tempi beim vorangehenden As-Dur-Impromptu gern akzeptiert.
Dieses lyrische Programm mit ein paar virtuosen Prunkstücken zu beschließen, scheint etwas abenteuerlich. Ist es aber nicht. Zum einen, weil sich Clemens Rave Liszts „Pester Karneval" doch lieber verkneift und stattdessen mit der „Zelle in Nonnenwerth" und der „Liebesbotschaft" einen sehr poetischen Liszt auflegt. Zum anderen, weil er sich auf eine diskrete, unaufdringliche Virtuosität versteht, die aus einem Klopper wie Moszkowskys „Capriccio" ein elegantes, federleichtes Promenadenstück macht.
Dann noch eine Charme Offensive mit der berühmten Horowitz-Etüde und „Le Papillon" - und das Publikum ist entzückt.
Lukas Speckmann
Westfälische Nachrichten 27.08.2005

|