In einer seiner frühen Kurzgeschichten beschreibt Thomas Mann, wie das griechische "Wunderkind" Bibi sein Publikum mit einem patriotischen Encore zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Auch die Gedanken eines alternden Musikkritikers liefert der große Novellist mit: "Freilich, die Hymne mußte kommen. Man spielt die Sache auf ein anderes Gebiet hinüber; man läßt kein Begeisterungsmittel unversucht. Ich werde schreiben, daß das unkünstlerisch ist. Aber vielleicht ist es gerade künstlerisch. Was ist der Künstler?" Clemens Rave weiß um die Versuchungen, welche souveränes Können und musikalische Präsenz mit sich bringen: "Im Grunde brauchte ich nur die >Apassionata< und die >Pathétique< aufs Programm zu setzen, und alles wäre geritzt." Doch das genaue Gegenteil praktiziert Rave: Nicht allein der Wunsch, seinem Publikum Unbekanntes, Entlegenes und Neues zu bieten, auch der eigene Anspruch, sich nicht mit Bewährtem und pianistischer Routine zu begnügen, macht die Arbeit des Münsteraners zu einer ständigen Entdeckungsreise auf und mit dem Konzertflügel.